Bis 200 Euro reicht der vereinfachte Spendennachweis zur Vorlage beim Finanzamt (siehe Formulare)
Der Gong ist kaum verhallt, da kommen die ersten schon die Treppen heruntergesaust ins Erdgeschoss, in den Speiseraum der Guardini-Schule.
Jeder Schüler greift sich von den gedeckten Tischen einen Teller, und nach einigem Gedrängel bildet sich eine passable Schlange vor der Durchgangstür zur Küche. Dort wartet die Köchin Frauke Sutouhi mit dampfenden Töpfen. Zuerst aber landet auf jedem Teller Salat, mal mehr, mal weniger, die Kinder können sich aus einer großen Schüssel selbst bedienen. Dazu kommt das Hauptgericht, Nudeln mit Soße gibt es heute. Während der Wartezeit verschwinden schon einige Bananen- und Mangostücke, die als Nachspeise gedacht waren, im Mund. Zurück am Tisch sind die Nudeln in einer Geschwindigkeit verputzt, die jedem Ernährungswissenschaftler die Haare aufstellen würde. Doch auch der grüne Salat mit den Schafskäsewürfeln ist am Ende ratzeputz weg, was den Schulsozialarbeiter Robert Kraus freut: „Gell, da haben wir sie gut erzogen.”
So also sieht ein fast alltägliches Mittagessen an der Guardini-Hauptschule aus. Normalerweise ist kein Fotograf dabei, die Kinder sind deshalb aufgedrehter als sonst. Die wenigsten haben heute Hausaufgaben auf, und doch bleiben manche nach dem Essen im Raum sitzen, weil sie lernen wollen, hier, wo ihnen Hilfe angeboten wird. Zuhause, sagt Happy, könne sie kaum Ruhe finden, weil immer eines der Geschwister nervt. Wie viele sie denn hat, will die Tischnachbarin wissen und fragt: „Bist du drei Geschwister?” Mit der deutschen Sprache tun sich die meisten hier schwer. Nur bei drei der Kinder im Raum ist deutsch bei beiden Elternteilen die Muttersprache.
40 Kinder bekommen seit diesem Schuljahr in der Guardini-Hauptschule viermal pro Woche ein warmes Mittagessen – die „Sitzenden” nennt Kraus sie, in Abgrenzung zu jenen ebenfalls 40 Kindern, die sich – fünfmal pro Woche – am Kiosk wenigstens eine Schnitzelsemmel oder einen Hot Dog holen können. Seit im laufenden Schuljahr das Mittagessen für Kinder aus armen Familien über Spenden des SZ-Adventskalenders finanziert wird, ist der Andrang stark gestiegen. 45 000 Euro bekam die Guardini-Hauptschule in diesem Schuljahr, um 105 Kinder mittags versorgen und ein gemeinsames Frühstück in allen Klassen pro Halbjahr anbieten zu können.
Früher hatte Köchin Frauke Sutouhi nur 25 Kinder zu verköstigen. Nur wenige Eltern schafften es, das Mittagessen, das an Schulen meist drei bis fünf Euro kostet, zu bezahlen. Zwar übernimmt für Kinder aus armen Familien auf Antrag das Sozialreferat im Rahmen der Jugendhilfe einen Teil des Essensgeldes. Von den durchschnittlich 60 Euro monatlich müssen Eltern dann zwar nur noch 30 Euro aufbringen. Doch selbst dies überfordert Familien, die am Existenzminimum leben. Viele Eltern, sagt Kraus, hätten ihre Kinder aus Scham nicht zum Schul-Mittagessen angemeldet. Oft kämen die Kinder schon hungrig in die Schule, sagt Kraus, ohne Frühstück und auch ohne Pausebrot. Das Mittagessen ist dann das erste Essen des Tages; auch das mag erklären, warum mancher Teller so rasend schnell geleert ist.
Nach zwölf Jahren als Schulsozialarbeiter kennt er die Zustände, die bei manchen seiner Schüler daheim herrschen, nur zu gut. Er kann von Eltern berichten, die drogenabhängig sind, von Müttern, die das siebte Kind bekommen, während ihre älteste Tochter gerade mit dem ersten schwanger ist. Von Eltern, die am Monatsende zwar noch Geld für Lebensmittel und Hundefutter haben, nur der Kühlschrank ist leer und die Kinder müssen sehen, wo sie bleiben.
Er könnte, sagt Kraus, problemlos noch mehr Kinder verköstigen. Doch kann der Speiseraum bei bestem Willen nicht mehr Kinder aufnehmen. Also wird er versuchen, den Kiosk-Imbiss auszubauen, denn: „Es trifft hier nie die Falschen.” Zugleich erleichtert das Mittagessen dem Sozialarbeiter den Zugang zu den Schülern: Vor allem die Jüngeren kommen – und bleiben. Zur Hausaufgabenbetreuung, zum Bogenschießen, zum Schlagzeug- oder Gitarrenunterricht, den Kraus anbietet. Wer schon mal zum Essen da ist, zu dem bekommen die Schulsozialarbeiter leichter Zugang. So wie bei Dominik, der früher mal „Blödsinn gemacht hat”, wie er sagt. Er hatte im Schülercafé gezündelt, wohl aus Langeweile und Imponiergehabe. Inzwischen spielt er Gitarre.
„Unsere verbeulten Blecheimer” nennt Kraus seine Jungs und Mädchen, eine liebevoll gemeinte Umschreibung dafür, dass die meisten hier „ihr Päckchen mit sich rumtragen”. Das merkt man den Kindern nicht an, wenn sie fröhlich erzählen, dass sie die Pizza hier am liebsten mögen. Und dass sie es toll finden, dass es an heißen Tagen zum Nachtisch Eis gibt. Und dass ihre Mütter es gar nicht glauben konnten, „dass wir wirklich nichts zahlen müssen.” Kraus sagt, es dauere oft Monate oder Jahre, bis die Kinder so viel Vertrauen haben, dass sie von daheim erzählen: dass sie zuhause auf die kleinen Geschwister aufpassen oder die Wohnung putzen müssen, anstatt ihre Hausaufgaben machen zu können. Dass die Väter prügeln, oder ein Bruder die Schläge des Vates an seine Schwester weitergibt, vom sexuellen Missbrauch bis hin zur „mittelalterlichen Fußsohlenbestrafung” hat Kraus in zwölf Jahren Schulsozialarbeit so ziemlich alles erlebt, was man sich vorstellen kann, aber sich nicht vorstellen mag.
Sie kommen aus den Sozialwohnungen der Ludlstraße, aber auch aus den 70er-Jahre-Blocks des Haderner Sterns – von dort also, wo früher der Mittelstand wohnte, wo heute aber auch zunehmend notleidende Familien zu finden sind. Wohingegen Kinder aus Mittelstandsfamilien auf der Hauptschule nur noch selten anzutreffen sind, seit es den M-Zweig gibt und jeder, der es irgendwie schafft, auf die Realschule wechselt. Der Rest fühle sich zunehmend „abgeschoben”, sagt Kraus. Seine Kollegin Sabine Mayer-Babic ist schon froh, dass zwei Wochen vor Schulende knapp die Hälfte des Abschlussjahrgangs eine Lehrstelle hat – „mehr als in München üblich”. Bei den Bewerbungen haben die Schulsozialarbeiter geholfen, damit es nicht an der Optik oder der Rechtschreibung scheitert – oder an den fünf Euro für Porto und Bewerbungsmappe.
So wie es Eltern gibt, die ihren Kindern wenig Stütze sind, gibt es Eltern, die mithelfen. Eine Mutter hat sich darum gekümmert, dass der Mittagstisch und das Schülercafé zusätzlich Lebensmittel von der Münchner Tafel bekommen, vor allem Joghurt und Obst. Die Köchin bereitet Tiefkühlkost zu, die sie mit Salat und Nachtisch anreichert. Als Getränk gibt es nur Wasser, Pappsüßes haben die Kinder oft genug zuhause im Übermaß. Die Kinder räumen ihr Geschirr selber ab, den Tisch-Abwischdienst hält Robert Kraus auf einer Liste fest. Die Schüler sollten sich daran halten, doch auch hier kämpft Robert Kraus seinen alltäglichen Kampf um Verbindlichkeit und Pflichterfüllung. Süli, ein Siebtklässler, der fast so groß ist wie der Sozialarbeiter und heute Tischdienst hat, will nach dem Essen an Kraus vorbei aus dem Raum eilen. Der fängt ihn ab, spricht ein paar klare Worte, aber festhalten kann er ihn nicht, und so trabt Süli von dannen. Es meldet sich Sümeyye aus der 5a, die freiwillig den Tischdienst übernimmt. Die anderen Mädchen lästern. Sümeyye nimmt trotzdem den Lappen und am Ende die Belohnung: ein Extra-Eis. Süli holt seinen Tischdienst ein paar Tage später ungefragt nach.
(SZ vom 15.07.2008)