Bis 200 Euro reicht der vereinfachte Spendennachweis zur Vorlage beim Finanzamt (siehe Formulare)
Wenn Zeit war, hat sich Peter K. früher gerne mal einen Theaterbesuch gegönnt. Jetzt wäre Zeit, aber nun kann sich der 71-Jährige das nicht mehr leisten. Peter K. (Name geändert) war früher selbständig, doch Krankheit zwang ihn, die Berufstätigkeit zu beenden. Die Rente und das Ersparte reichten, um ein paar Jahre über die Runden zu kommen, aber vor zwei Jahren musste Peter K. beim Sozialamt Grundsicherung im Alter beantragen.
Nach Abzug der Miete bleiben ihm nun 384 Euro monatlich zum Leben. Ihn belasten Ausgaben für nicht verschreibungspflichtige Medikamente, denn die zahlt die gesetzliche Krankenversicherung schon lange nicht mehr. Eigentlich bräuchte er warme Wintersachen. Gerne würde er ins Theater gehen, auch,um wieder unter Menschen und auf andere Gedanken zu kommen.
Menschen wie Peter K. zu helfen, Kulturveranstaltungen kostenlos zu besuchen, das hat sich das in diesem Jahr neu gegründete Projekt „KulturRaum München“ zum Ziel gesetzt. Das im Oktober gestartete Angebot richtet sich an alle Bürger mit geringem Einkommen, sei es Grundsicherung im Alter oder bei Erwerbsminderung, Arbeitslosengeld II oder eine Mini-Rente. Das Prinzip ist bestechend einfach: Kulturveranstalter spenden Tickets oder stellen unverkaufte Karten kurzfristig kostenlos zur Verfügung. Der „KulturRaum“ übernimmt die Vermittlung an „Kulturgäste“, die dann von Ehrenamtlichen angerufen werden, wenn Tickets aus dem angegebenen Interessensgebiet vorhanden sind.
Ein SZ-Artikel über die Kulturloge Berlin, die das schon in großem Rahmen praktiziert, hatte Monika Eberl und Sabine Ruchlinski vor einem Jahr auf die Idee gebracht, auch in München ein entsprechendes Projekt ins Leben zu rufen. Die beiden Frauen holten sich Rat aus Berlin. Die Konzeption für die Kulturlogen hatte ihren Ursprung in Marburg und findet in immer mehr Städten, darunter Hamburg oder auch Essen, engagierte Unterstützer. „Wir wollen den Menschen mit niedrigem Einkommen kulturelle Teilhabe ermöglichen“, sagt Monika Eberl, die mit Sabine Ruchlinski den gemeinnützigen Verein Kulturloge München gegründet hat.
Die Kulturloge hat eine Reihe von Sozialpartnern wie zum Beispiel die Caritas oder das Münchner Arbeitslosenzentrum gewonnen. Dort können sich „Kulturgäste“ anmelden, um in die Liste aufgenommen zu werden. „Durch diese Kooperation können wir sicherstellen, dass unsere Kulturgäste tatsächlich zum Kreis der Berechtigten gehören“, sagt Monika Eberl. Sabine Ruchlinski hat schon eine ganze Reihe von Kulturveranstaltern dafür gewinnen können, das Projekt zu unterstützen: Residenztheater, Volkstheater, Muffatwerk, Lustspielhaus, Tollwood, Schlachthof, Monopol-Kino und Arena-Kino gehören zu den Partnern. „Einige geben uns sogar grundsätzlich für jede Veranstaltung mindestens zwei Karten“, freut sich Eberl. Andere geben ihre Restkarten ab. Wenn der angerufene Gast zusagt, liegen für ihn auf seinen Namen reserviert die Karten an der Abendkasse bereit. „Jeder Gast kann in der Regel zwei Karten bekommen, damit er auch jemanden einladen kann.“
Mehr als 600 Kulturgäste hat der KulturRaum bisher in die Datenbank aufgenommen, 450 Karten konnten schon seit 17. Oktober, dem offiziellen Start, vermittelt werden. „Es ist sehr gut angelaufen“, sagt Monika Eberl. Über die Freiwilligenagenturen hat das Projekt 20 Ehrenamtliche gewonnen, auch ein kleines Büro gibt es schon. Unterstützt vom Kulturreferat der Landeshauptstadt und der Stiftung Soziales München der Stadtsparkasse ist der Start geglückt. Noch aber fehlt es an Geld für die Büroausstattung wie Drucker und Faxgeräte, aber auch für Telefonkosten. Der SZ-Adventskalender will das Projekt unterstützen, dessen Macherinnen schon weitere Pläne haben. So ließe sich ein Begleiterkreis aufbauen, für Menschen, die ungern allein weggehen wollen, aber nicht wissen, wen sie mitnehmen könnten.
„Ein positives Erlebnis gibt Impulse für das eigene Leben und bringt einen auf andere Gedanken“, sagt Monika Eberl und kann dabei auf die ersten Rückmeldungen verweisen. „Als Hartz-IV-Bezieher an einer Kulturveranstaltung teilnehmen zu können, ohne sich dabei als Schmarotzer oder Versager vorkommen zu müssen, hat mich zu Tränen gerührt“, bedankte sich ein Kulturgast. „Ich hoffe sehr, dass ich nochmals in den Genuss kommen darf, mal wieder Mensch zu sein, dabei sein zu dürfen und für eine kurze Zeit dem Alltag entfliehen zu können, ohne die Realitäten dabei aus den Augen zu verlieren.“
(SZ vom 07.12.11)