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27.12.2011

SZ vom 27.12.11

Bindung statt Freizeit

Seine Mutter hat Hassan A. zuletzt vor zehn Jahren gesehen, als sie den damals Elfjährigen aus Afghanistan nach Iran schickte. Im Jahr 2005 fand Hassans Flucht ohne Eltern in München ein Ende, doch für den damals 16-Jährigen war es kein leichter Anfang: Zweieinhalb Monate verbrachte er in der sogenannten Erstaufnahmeeinrichtung.



„Ich habe Armut, Hunger und Krieg erlebt, aber die Monate in der Gemeinschaftsunterkunft waren die allerschwierigste Zeit in meinem Leben“, sagt Hassan A., „denn ich konnte mit keinem reden.“ Der junge Flüchtling bekam schließlich einen Platz zugewiesen in der Containerunterkunft am Ende der Rosenheimer Straße, einer damals ziemlich heruntergekommenen Anlage mitten auf einer Verkehrsinsel, die wegen unhaltbarer hygienischer Zustände in die Kritik geriet und Ende 2008 geschlossen wurde. Er begann auf eigene Faust Deutsch zu lernen, „denn wenn man in einem Land leben will, sollte man sich verständigen können“.
Sein Glück sei gewesen, dass er in der Containerunterkunft auf Sabine Hodek traf, damals Flüchtlingsbetreuerin der Caritas, die ihm bei allen Schwierigkeiten geholfen habe. Heute kümmert sie sich bei der Stadt um minderjährige Flüchtlinge in einem Wohnprojekt in Berg am Laim. Hassan A., der bis zu seiner Flucht nie eine Schule besucht hatte, versuchte beim „Schlau-Projekt“ die versäumte Schulbildung nachzuholen. Doch weil er mit der fünften Klasse anfangen musste, war er zunächst überfordert. Seine Betreuer organisierten ihm zusätzlich Nachhilfe von Studenten, fünf Tage in der Woche: „Das war das Genialste für mich, die Leute waren so nett zu mir“, erzählt Hassan, der heute noch zu vielen von ihnen Kontakt hat. „Ich wurde von Tag zu Tag besser, die haben mich einfach begeistert.“ Die deutsche Sprache büffelte er selbst am Wochenende unermüdlich, heute beherrscht er sie mühelos. Er schaffte erst den Hauptschulabschluss und ein Jahr später dann den „Quali“ mit einem Notendurchschnitt von 2,2, „das war ein sehr schöner Moment für mich“. Besonders froh und seinem neuen Chef dankbar war er, als er auch die Lehrstelle in seinem Traumberuf bekam: Gebäudeelektroniker. In der Berufsschule wurde er sogar zum Klassensprecher gewählt.
„Mir ist bewusst geworden, was Bildung wert ist “, sagt Hassan. Er weiß, wovon er redet: „Ich war Analphabet, auch in meiner Muttersprache.“ Und deshalb wollte er seinen in Afghanistan zurückgelassenen vier jüngeren Geschwistern unbedingt ermöglichen, eine Schule zu besuchen. Doch von seiner Ausbildungsvergütung kann er das nicht bezahlen, deswegen hat er sich einen Nebenjob gesucht: Jeden Tag nach Feierabend in seinem Lehrberuf arbeitet er noch bis in die Nacht hinein für eine Reinigungsfirma.
All das ist nicht einfach, vor allem braucht er auch Zeit zum Lernen, wenn es auf den Abschluss zugeht. Auf Freizeit verzichtet er ohnehin. Denn er wünscht sich nichts mehr als gute Noten, damit er über den zweiten Bildungsweg noch weiter kommen kann. Sabine Hodek hofft deshalb, dass sich über den SZ-Adventskalender Spender finden, „damit er die letzten Monate vor der Prüfung nicht mehr nebenbei arbeiten muss und sich auf das Lernen konzentrieren kann und seine Geschwister trotzdem weiter in die Schule gehen können“.

(SZ vom 27.12.11)